40 Jahre "STH-Hunsrück-Rallye" 1977 bis zum "Hunsrück-Rallye-Sprint" 2017

  • Hunsrück-Rallye 1977 -- wie alles begann



    Wie, um Himmels Willen, kommt ein Norddeutscher dazu, freiwillig auf einem öden, riesengroßen Truppenübungsplatz im Hunsrück Rallye zu fahren ?


    Das auch noch mit dem völlig serienmäßigen VW Polo-Vorläufer, dem AUDI 50 -mit 60 PS.


    Der Truppenübungsplatz war hart.


    Noch härter war es jedoch, wenn man sich im Start-Ort Idar-Oberstein z.B. in dessen Ortsteil Idar mit Einheimischen unterhalten wollte / oder mußte.


    Diese sehr seltsame Sprache konnte ein Niedersachse eigentlich nur im Suff verstehen.


    Also wurden entsprechende Vorräte an Alkohol gebunkert - und wenn nötig auch vertilgt....


    ....aber immer der Reihe nach.


    Nach zaghaften Anfängen 1975 als Beifahrer wechselte der später in "Schmidtchen Schleicher" umbenannte Student 1976 auf den Fahrersitz
    diverser "Bastelbuden" mit Heckantrieb. Gleich die allererste Rallye-Zielankunft brachte mit jeder Menge Gesamtbestzeiten fast einen Gesamtsieg.
    Der Grund war nächtlicher Schneefall, was für einen Jungspund aus dem Mittelgebirge "Harz" das perfekt Geläuf ist. Klarer Heimvorteil ! Vorteil war auch der
    relativ leistungsschwache BMW 2002ti (120PS) ,eine frühe Startnummer 12 (bei über 100 Startern) nebst vollgepacktem Kofferraum.


    Dann ging das "Gebastel" los. Die Ausfälle stiegen gegen 100 %. Deshalb: Es mußte was serienmäßiges, was Kleines her. Und ein Kampf gegen gleichstarke Autos.
    Und es mußte eine halbwegs bezahlbare Rallyemeisterschaft her. Der ONS-Rallye-Pokal (Vorläufer vom 20jährigen DMSB) schien perfekt. So etwa 150 bis 200 km WP-Km pro Rallye und oft auf Mischbelag, das war anspruchsvoll genug.


    Also wurde der "Studentenwagen" Audi 50 mit Bilstein, Käfig, Sportsitzen, Gurten, Löscher und Unterschutz ausgerüstet und Ende Februar 1977 der erste Lauf in Hamburg unter die Räder genommen. Wenn es gut liefe, dann sollte der ONS-Pokal durchgezogen werden - falls das Geld reicht....Erneut über 100 Rallyeautos am Start am Hotel Plazza in Hamburg. Obwohl nur 60 PS zur Verfügung standen, hat es irre Spaß gemacht. Der Grundstein für die Hunsrück-Rallye war bei dem erstaunlich guten Ergebnis (siehe Foto)gelegt. Der ONS-Pokal hat uns kreuz und quer durch Deutschland geführt . Auch ins Saarland übrigens, wo ein Zahnmedizin-Student -ebenfalls mit einem Audi 50- den norddeutschen Studenten richtig alt aussehen ließ. Bei dem Namen lief es uns immer kalt den Rücken runter : S c h w e d t !


    Mitte der Saison stand dann die berühmte halbe(!) Hunsrück-Rallye auf der Liste des DMSB -äh- ONS-Rallye-Pokals.


    Gut 500km Anfahrt mit Opel Rekord C(!) und Anhänger durch die Kasseler Berge wurden noch locker bewältigt.


    Schwieriger wurde es dann, den Sportplatz in Idar-Oberstein (von Bingen aus kommend) zu finden. Ewig dauerte die Ortsdurchfahrt. Sie hörte überhaupt nicht auf. Vorbei ging es an zig Diskotheken. Das fängt ja gut an. Bevor wir die Kupplung des auch damals schon alten Opel Caravan völlig ruiniert hatten, trafen wir tatsächlich rechts der Straße auf dem Sportplatz ein.


    JuHu !


    Zelt aufbauen und vorher die Lage checken. Richtig viel Platz war dort nicht. Auffällig war auf dem Sportplatz die große Anzahl an nicht deutschen Autokennzeichen. Unser sauberes Hochdeutsch konnten wir nicht oft einsetzen. Mit Englisch ging es deutlich besser und die Stimmung dort in Idar war schon irgendwie völlig anders als das, was wir sonst kannten .


    Und dann erst das riiiiiesige Festzelt auf dem Festplatz in Oberstein. Dieses Festzelt wurde im Laufe der Jahre gefühlt immer größer und größer.
    Die Stimmung immer genialer . Das Treiben immer bunter. Irgendwann fuhren die mit Rollschuhen um die Bühne herum und Misswahlen gab es auch.
    Die Rallyeautos kurvten auch alle durch das Zelt und es war ein Zuschauer-Geheimtip : einfach die 3-4 Tage im Zelt sitzen bleiben.


    Und dann erst der original I-Oer "Spießbraten". Ich sabber schon fast die Tastatur hier voll, wenn ich nur daran denke....


    Und irgendwann nach dem 2. oder 3. Bierchen haben wir auch die Einheimischen verstanden...


    Das ging ja gut los. Selbstverständlich hat jeder perfekt schlafen können später in seinem Schlafsack auf dem Sportplatz in Idar.


    Gute Nacht!


    Morgen ist Abnahme.


    Training gibt's nicht.


    Sonst ist ja keine Zeit zum Feiern - so ähnlich die Erklärung für den späteren "Blingflug" (ohne Aufschrieb) bei der Hunsrück-Rallye.




    ....bald geht's weiter


    Frank

  • @ Frank Ehrhardt: klasse geschrieben...ich war 1977 auch dabei beim Auf-und Abbau der Panzerplattenprüfung. Dann habe ich noch die Zeiten in die Karten eingetragen am Ziel direkt gegenüber der Frauenburg.....ich weiß leider nicht mehr welche Prüfung das gewesen ist. Panzerplatte oder Maiwald????

    :D"Geistdörfer,schnoi di o! Jetza fahr i eana oan hi,dass sie d`Lizenz obgebn" (Walter Röhrl,Portugal 1980):D

  • ...ich war 1977 auch dabei beim Auf-und Abbau der Panzerplattenprüfung. Dann habe ich noch die Zeiten in die Karten eingetragen am Ziel direkt gegenüber der Frauenburg.....ich weiß leider nicht mehr welche Prüfung das gewesen ist. Panzerplatte oder Maiwald????




    -Haben die nicht mehr alle (Dach-) Latten am Zaun?
    -Perfekte Linie - wenn, ja wenn der Hinkelstein nicht gewesen wäre
    -Was hat die "RAF" mit der Hunsrück-Rallye zu tun ?



    Uuuuhhahhh!!!
    Nach einigen Stunden gerechtem Schlaf im recht vermieften 2-3 Mann/Frau-Zelt, gab es morgens immer das schöne Reißverschlußgeräusch zzzziiiippppp und es
    strömte kühl-feuchte Frischluft in die textile Behausung.


    Draußen unter freiem Himmel war es morgens immer sehr angenehm, barfuß im Frühtau auf dem Rasen zu spazieren.


    Schnell war richtig Trubel dort, denn die Rallye-Camper durften die Duschräume inkl. 2-3 Waschbecken auf dem Sportplatz benutzen.


    Wir ONS-Pokal-Teams fuhren (glaub ich) nur den Samstag.


    Die "richtige" Hunsrück-Rallye hatte 255 Starter. Wie der STH diese Masse an Autos durch das enge Idar-Oberstein geschleust hat -- keine Ahnung.


    Wenn Start-Nr 1 auf die Strecke ging, dann konnte die Startnummer 255 noch locker 4 Stunden ins Freibad gehen...


    Oder anders ausgedrückt, wenn Startnummer 255 am ersten Tag im Etappenziel / Festzelt einlief, gab es kein Bier mehr....(neee, war ein Scherz)


    Ganz unten füge ich die angekommenen und auch die siegreichen 101 Teams an.


    Noch schöner liest sich jedoch die Liste der 154 ausgefallenen Teams....


    Das war noch Rallye. Wegen der vielen Ausfälle machte es für den STH großen Sinn, am Samstag zusätzlich etwa knapp 100 Autos starten zu lassen, wie die Autos des ONS-Rallye-Pokals. Ach ja. Und es gab am Samstag noch einen Berg völlig verwegener Starter...


    Eine Horde von Typ181-Teams(VW-Kübel) und Land-Rover machten den TruÜpl Baumholder unsicher.(nochmals ca. 90 Autos!)


    Während die Rover ordentlich Käfige und Sportsitze montiert hatten, übten die Deutschen Soldaten in ihren 181er-Cabrios im Auto sitzend Handstand.


    Auf meine Frage, "..was macht ihr beim Überschlag ?"... wurden immer die Hände zum Himmel gestreckt und die Handfläche um 90 Grad abgewinkelt.


    ..."dann mußt Du dich abstützen". Ah ja. Ein Jahr später sollten wir so einen Handstand direkt vor uns auf der WP Maiwald erleben. Irre !



    Dachlatten ? Was ist mit den Dachlatten ?


    Als es am Samstag dann endlich nach einigen echt harten Nächten auch für unseren Audi 50 losging, fanden wir überall auf der Strecke vor schärferen Kurven oder Gefahrstellen so etwa Schuhkartongroße Betonklötze mit 4-Kant-Loch in der Mitte. In diesem Loch steckten etwa 40-50cm lange Dachlatten. An diesen Dachlatten waren wiederum Schilder (ca. 300x300mm) verschraubt. User "HunsrückRallye" ist Zeitzeuge. Er hat sie selbst noch mit aufgestellt. Eine 90 Grad-Linkskurve ließ sich damit perfekt anzeigen. Aber verdrehte man das Schild um 270Grad , dann konnte es auch eine 90 Grad Rechtskurve sein. Wir haben immer gehofft, dass nicht irgendein Spassvogel mal so eben an der Dachlatte fummelt und wir rechtswinkelig in die Botanik segeln.


    Aber auch ohne Sabotage sind wir in die Botanik gesegelt. Zumindest fast. Aufgehalten wurden wir von ...? Na klar, von einem original Idar-Obersteiner "Hinkelstein", der in einer " links-drei-über-Kuppe-macht-zu " die zügige Geschwindigkeit schlagartig auf Null brachte. Das passierte ungefähr dort, wo die Deutschland-Rallye 2016 ihren östlichsten Punkt hatte. Rückwärtsgang rein und weiter. Alles kein Problem. Nur für den Kühler. Der hatte nämlich seinen Wasserinhalt am "Hinkel" eingebüßt. Da traf es sich gut, dass nicht nur Co. "Schmunzel" sondern auch der Fahrer "Schmidtchen" noch Karten lesen konnten. Also rollten wir links ab in nördlicher Richtung und kamen irgendwie per Achse am Globus-Handelshof heraus. Die Party war wieder unsere, als man uns sagte, dass jeder gute Rallyefahrer einmal im Leben einen original Idar-Obersteiner-Hinkelstein getroffen haben muß.


    So konnten wir neben der Zielrampe am Edelstein-Hochhaus den erfolgreicheren Teams "zujubeln".
    Von besonderem Interesse waren jedoch die ausnehmend hübschen Damen des STH, wie sie dort Sekt verteilten.
    Zum Glück sahen wir neben uns einen anderen Beifahrer aus dem ONS-Pokal. Der sprach die gleiche gewöhnungsbedürftige Sprache und mußte wohl vom STH sein.
    Nur einen Kontakt konnte "Andy" auch nicht herstellen, bzw. es machte keinen Sinn. In I.O. heiraten die Damen früh. Die hübschen noch früher. Und na klar waren alle Schnuckelchen frisch verheiratet oder zumindest fast. Anbandeln machte also wenig Sinn...


    Dafür wurde Andy noch im gleichen Jahr Co. im Audi von "Schmidtchen ". Und wir hatten Glück, dass er (Andy)nicht erschossen wurde ....? ?


    Erschossen? Ja, das war später im Jahr (September?)anläßlich des Trainings zur Kohle+Stahl. Wir trafen uns in einem Saarländer Kaff und ließen den Starlet (?) von Andy stehen.


    Was wir nicht kannten, das war die besondere Aufmerksamkeit der Saarländer Bevölkerung. Überall lauerten Gestalten hinter den Gardinen und achteten auf langhaarige Kerle, die sich seltsam benehmen. Anmerkung: Damals waren noch Haare auf'm Kopp...


    Der Grund: just zum Zeitpunkt des Kohle+Stahl-Trainings hatte die Rote Armee Fraktion (RAF) Hanns Martin Schleyer entführt. Da im Rallyeauto kein Radio läuft weil keins verbaut ist, hatten wir davon nichts mitbekommen. Als Andy nach der Anfertigung des Aufschriebs wieder seinen Heimatort Idar-O. ansteuert, wird er mit MPs im Anschlag vor der Haustür empfangen...Toller Empfang. Andy blieb besonnen, war auch stocknüchtern und konnte beweisen, dass er kein Entführer ist.


    Dieser Abschweifer mußte sein.


    Dieser ersten geilen (dieses Wort gab es vor 40 Jahren nur auf der Reeperbahn) Hunsrück-Rallye sollten noch einige weitere folgen.
    Die Fahrzeuge : Audi 50 , Kadett C -Cup , Kadett 2,0 GTE , Escort-Turbo-Cup und diverse Vorwagenfahrten mit Suzuki Swift GTI


    Allerdings waren die ersten Hunsrück-Rallyes in Idar-Oberstein so dermaßen gut, das kann man heute fast nicht mehr erklären...



    Bei nächster Gelegenheit gibt's mehr. Versprochen.


    Und am 13.05.2017 sehen wir uns beim Hunsrück-Rallyesprint - Dort ist noch viel von der "alten" I.O.er Stimmung !



    Und hier die Liste der Ergebnis, wobei die Liste der Ausgefallenen viel schöner ist:

  • Die 1977er Hunsrück, über die Du hier geschrieben hattest, hatte auch für mich eine ganz wichtige Rolle in meinem Verhältnis zu unserem geliebten Sport gespielt. Ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich Deinen Thread nutze, um meinen Blickwinkel auf diese besondere Rallye zu schildern. Deshalb hier etwas ausführlicher, wie ich mich bei genau dieser Veranstaltung mit dem Rallye-Virus infiziert hatte


    Es fing sogar schon im Jahr 1976 an. Ich war damals auch Student und einer aus unserer Clique kam aus Idar-Oberstein. Durch genügend Übung über einige Semester hinweg ist es uns gelungen, seine zunächst unverständliche Sprache verstehen zu lernen. Und eines der wichtigsten Worte aus seiner Heimat hieß „Spießbroode“. Deshalb haben wir gerne seine Einladung angenommen, ihn an einem Wochenende im Mai zu Hause zu besuchen. Der Spießbraten und das Kirner Pils standen eindeutig im Vordergrund unseres Besuchs, aber für den Samstagnachmittag kam der Vorschlag. Es läuft hier gerade die Hunsrück-Rallye und auf Wäschertskaulen kann man dort zuschauen. Zur Erläuterung: Das war ein Zuschauer-Rundkurs oberhalb von Idar, allerdings nicht ein modifizierter Slalom wie letzte Woche in Mexico City, sondern ein Kurs auf schönstem Schotter mit echter Rallye-Atmosphäre. Wir also dorthin, Eintritt bezahlt und festgestellt, dass diese Form Motorsport eigentlich viel mehr Spaß macht als die DTM in Finthen oder die Formel 1 in Hockenheim, die ja damals zumindest noch bezahlbar war.


    Aber in den Medien führte der Rallyesport ein ziemliches Schattendasein und dass man dort extra zum Zuschauen hinfährt, war absolut unüblich. Doch das Interesse war zumindest einmal geweckt. Ich kaufte ab dann auch regelmäßig die ‚Rallye Racing‘, in der zu lesen war, dass ein Walter Röhrl das Zeug zum Weltklassefahrer gehabt hätte, wenn er nicht gerade in einem total unzuverlässigen Kadett dauernd ausfallen würde. Und in einer ‚Rallye Racing‘ im Jahr 1977 war ein faszinierender Artikel über einen verrückten Finnen, der in Neuseeland x-mal abgeflogen war, es aber trotzdem geschafft hatte, seinen fast schrottreifen Escort auf Platz 2 zu fahren. Sein Name Ari Vatanen.


    Da der Prozentsatz weiblicher Studenten an einer Technischen Uni erfahrungsgemäß sehr überschaubar war, orientierten wir uns in unserer Freizeit mehr nach Mainz, wo das Verhältnis ein wesentlich ausgeglicheneres war. Eines der Mädels, die wir dort kennen gelernt hatten, feierte an einem Donnerstagabend Geburtstag. Da man nicht riskieren wollte, bei der Heimfahrt nach der Feier den Führerschein zu gefährden, wurde neben dem Geburtstagsgeschenk auch gleich noch Luftmatratze und Schlafsack in den Kofferraum gepackt.


    Nach durchfeierter Nacht war man am Freitagfrüh wieder zeitig wach. Es standen ja noch wichtige Vorlesungen an der Uni auf dem Stundenplan. Doch beim Frühstück fiel mir zufällig die örtliche Zeitung in die Hände. Und dort war zu lesen, dass im Laufe des heutigen Tages im Raum Idar-Oberstein die Hunsrück-Rallye gestartet würde, und dass neben solch bekannten Fahrern wie Stig Blomqvist, Tony Pond oder Lars Carlsson eben auch Walter Röhrl und der besagte Ari Vatanen am Start sind. In diesem Moment wurde von mir ganz flexibel die Entscheidung getroffen, die wichtigen Vorlesungen heute mal ausfallen zu lassen und statt dessen lieber alleine Richtung Idar-Oberstein zu fahren.


    Ohne Ahnung, wo und wann dort was abläuft, steuerte ich zunächst mal den Parkplatz am Merian-Hotel in Idar an. Denn ich wusste noch von unserem zufälligen Besuch im Vorjahr, dass dort die Rallyeautos nach der Veranstaltung abgestellt waren. Und welch großes Glück. Dort fand ich ein Hinweisschild, dass in besagtem Hotel das Pressezentrum der Rallye war. Ohne Presseausweis half mir das erst einmal nicht weiter. Und die später so legendären Pfadfindermappen gab es damals noch nicht. Aber ich kam ins Gespräch mit einer netten Dame, die dort Dienst tat. Später erfuhr ich auch ihren Namen. Es war Waltraud D., später unter ihrem Ehenamen besser bekannt als Opel- und Citroen-Werksfahrerin und als langjährige Rallyesekretärin der Deutschland-Rallye. Während unserer netten Unterhaltung war Waltraud kurzfristig durch ein Telefongespräch abgelenkt und ich nutzte schnell die Gelegenheit -inzwischen ist die Sache ja glücklicherweise verjährt- einen Satz Presse-Unterlagen zu stibitzen.


    Jetzt hatte ich schon ein paar Informationen mehr. Allerdings waren darin auch keine WP-Pläne drin, sondern neben der Starterliste nur ein paar ausgewählte Zuschauerpunkte. Die Rallye war ja damals noch komplett untrainierbar und es wurde ohne Aufschrieb auf Sicht gefahren. Insofern war die Geheimhaltung sehr konsequent durchgezogen. Ich wusste aber zumindest, wo und wann es in der nächsten Stunde etwas zu schauen gab. Ich machte mich also auf den Weg zur Reichenbacher Brücke.


    Kaum dort angekommen, staubte der Porsche von Röhrl und danach all die anderen Asse den Schotterweg von der Brücke Richtung Maiwald herunter. Sprachlos und ergriffen verfolgte ich das Spektakel. Entlang der Stecke standen einige Zuschauer, aber lange nicht so viele wie einige Jahre später als detaillierte Infos für Zuschauer in Mode kamen. Neben mir war eine Gruppe, die offensichtlich auf ein ganz spezielles Team wartete. Nachdem wir ins Gespräch gekommen waren, erfuhr ich, dass sich in der Gruppe die Freundin von Hanno Menne befand. Dieser ehemalige Deutsche Rallyemeister war damals Beifahrer im Opel-Werks-Team. Mit bei der Gruppe war auch Tino S., der zusammen mit Hanno einige Jahre zuvor Gründungsmitglied eines sehr aktiven Aachener Motorsportclubs war. Gemeinsam diskutierten wir, was wir nach der Maiwald-Prüfung machen sollten. Sowohl meine Presseunterlagen als auch deren Infos vom Opel-Service waren sehr spärlich, was den Rest des Tages betraf. Tino erzählte, dass er schon öfters als Beifahrer bei der Hunsrück unterwegs war und dass er sich recht gut auf Baumholder auskennt. Er schlug vor, dort auf gut Glück einen schönen Platz als nächsten Zuschauerpunkt zu suchen. Ich sollte einfach hinter ihnen her fahren. Sehr trickreich haben wir dann einen nicht durch eine Schranke versperrten Weg auf den Übungsplatz gefunden und ich staunte nicht schlecht, als meine neu gewonnenen Aachener Freunde plötzlich über eine schon ausgepfeilte WP-Strecke fuhren. Was blieb mir übrig als zu versuchen hinten dran zu bleiben. Und immer mit der Angst im Nacken, dass Walter Röhrl plötzlich von hinten angeschossen kommt. Nach mir endlos erscheinenden Kilometern parkten die Aachener ihr Auto gut getarnt im Wald und ich sehr erleichtert dahinter. Nicht weit davon entfernt war eine wunderschöne Ecke zum Zuschauen: Ganz lang gezogene Links auf breitem Beton in Abzweig Rechts auf Schotter.


    Die dort postierten Streckenposten waren etwas verwundert, wo wir herkämen und sprachen uns auch gleich auf zwei Pkws an, die sich auf der Strecke befinden sollten. Wir erklärten Ihnen, dass wir die beiden Autos gesehen hätten, wie sie die Strecke verlassen hätten und Richtung Idar-Oberstein abgebogen wären. Diese Info wurde über Funk weitergegeben und hatte die Situation wohl für alle Beteiligten ziemlich entspannt. Auf die Frage, wann denn die WP gestartet würde, konnten die Streckenposten keine Auskunft geben. So saßen wir eine ganze Zeitlang im Gras. Um uns rum brummte es aus allen Richtungen. Nur bei uns kam erstmal kein Rallyeauto vorbei. Trotzdem wurde es mir nie langweilig, weil ich voller Neugier den Erzählungen der neu gewonnenen Rallye-Freunde lauschte. Mir wurde in diesen Stunden Wartezeit deutlich, dass dieser Sport nicht nur ganz besonders spektakulär ist, sondern dass auch die Menschen in diesem Sport ganz besonders sein müssen.


    Endlich ging es dann auch bei uns rund. Walter Röhrl war leider schon ausgefallen, weil der Team-Manager von Achim Warmbold ihm ins Auto gefahren war und den Ölkühler zerstört hatte. Trotzdem waren noch genug Autos im Feld, die an dieser spektakulären Ecke ein tolle Show geboten hatten. Das war aber alles nichts gegen das, was Ari Vatanen dort gezeigt hatte. Wesentlich später bremsend als alle anderen fuhr er die lange Links in einem einzigen Drift so exakt durch, dass er fast ohne Geschwindigkeitsverlust im Gegenschwung die enge Rechts in Schotter nehmen konnte. So etwas Artistisches habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ich war total fasziniert von dieser Fahrzeugbeherrschung.


    Aufgrund der langen Wartezeit war es schon ziemlich spät geworden, dass es zeitlich nicht mehr für die abschließende Zuschauer-WP auf Wäschertskaulen gereicht hatte. Ich folgte meinen erfahrenen Rallyefreunden bis wir wieder außerhalb des Übungsplatzes waren, bedankte mich für die Lotsendienste und verabschiedete mich. Nach einem oder zwei Bier und einer Kleinigkeit zu essen musste ich mir ja noch ein Nachtquartier suchen. Ein Hotel konnte ich mir als Student nicht leisten, aber ich hatte ja glücklicherweise vom Abend zuvor noch Luftmatratze und Schlafsack im Auto. So suchte ich mir also ein schönes Plätzchen am Waldrand, platzierte die Luftmatratze so gut es ging im erweiterten Kofferraum meines Polo und verbrachte dort eine ziemlich kurze Nacht.


    Denn die Rallye ging ja am Samstag sehr zeitig wieder weiter und meinen Presseunterlagen war zu entnehmen, dass die erste WP auf Baumholder ein Rundkurs über 99 Kilometer war mit dem schönen Namen „Morgengruß“. Als Zuschauerpunkt wurde eine Stelle auf dem Übungsplatz empfohlen, die ich dank meines Presseschilds offiziell anfahren durfte. Diese Stelle ist inzwischen wohl jedem Rallyefan bekannt, die legendäre Panzerplatte. Das Ganze aber nicht mit Tausenden von Zuschauern, sondern mit noch nicht einmal hundert Beobachtern. Aber ich glaube für jeden, der zum ersten Mal dorthin kommt, hat dieser Zuschauerpunkt erst mal einen „Wow“-Effekt. Man wusste gar nicht, wo man überall hinschauen sollte, zumal die Prüfung noch einen hohen Schotteranteil hatte, was leider beim heutigen WM-Lauf nicht mehr der Fall ist.


    Ich traf dort auch wieder meine Aachener Freunde vom Vortag. Sie erzählten mir, dass sie inzwischen einen Platz im Auto frei hätten und ob ich nicht mitfahren wollte. Gerne nahm ich das Angebot an. Wir hatten für den zweiten Tag etwas aussagekräftigere Infos, wo und wann es etwas zu sehen gab. Unter anderem auch diverse WPs außerhalb des Truppenübungsplatzes. Ich war total fasziniert, mit welcher Sicherheit der erfahrene Beifahrer Tino aus der Karte lesen konnte und mit welcher Präzision er den Fahrer immer auf die richtigen Wege lotste. Teilweise hatte er aus der Karte Kurvenradien und Abstände herausgelesen, die er seinem Fahrer ähnlich wie einen Aufschrieb vorgebetet hatte. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt niemals gedacht, dass ich Jahre später genau diese Fertigkeit auf der damals noch untrainierbaren RAC-Rallye auch erfolgreich würde anwenden können. So verbrachten wir gemeinsam einen begeisternden Rallye-Samstag, an dem wir wesentlich mehr Rallye-Action zu sehen bekommen haben als am Tag zuvor.


    Voller Eindrücke kam ich an diesem Abend zu Hause an und ich war felsenfest davon überzeugt, dass dies ein Sport ist, mit dem ich mich unbedingt in Zukunft intensiver beschäftigen möchte. Mein noch im gleichen Jahr an einem Fels zerschellter Polo machte mir allerdings überdeutlich klar, dass ich als Fahrer wohl doch nicht über ausreichendes Talent verfüge. Aber im folgenden Jahr holte ich als Beifahrer meinen ersten Pokal bei einer Orientierungsfahrt. Darauf folgten diverse Jahre im Clubsport, bis ich es dann irgendwann geschafft hatte, auf dem heißen Sitz eines Werksautos zu landen.


    Und ich hätte es am Abend meiner ersten so intensiv erlebten Hunsrück-Rallye nicht zu träumen gewagt, dass ich mich bei der gleichen Rallye genau zehn Jahre später auf dem Siegertreppchen wiederfinden würde.

    Einmal editiert, zuletzt von le moulinon () aus folgendem Grund: Rechtschreibfehler korrigiert

  • Als gebürtigem Idar-Obersteiner fällt mir zu den kurzweiligen und großartig verfassten obigen Geschichten nur ein Wort ein: SENSATIONELL. :tongue:


    Spießbraten - Kirner Pils - Wäschertskaulen... :p


    Den (bisherigen) Autoren ein riesiges Dankeschön und - gerne mehr davon. :]

  • Als gebürtigem Idar-Obersteiner fällt mir zu den kurzweiligen und großartig verfassten obigen Geschichten nur ein Wort ein: SENSATIONELL. :tongue:


    Spießbraten - Kirner Pils - Wäschertskaulen... :p


    Den (bisherigen) Autoren ein riesiges Dankeschön und - gerne mehr davon. :]

    #


    Kann mich als Alschadder (Ortsteil von Idar-Oberstein) nur anschließen. Leider war meine erste Hunsrück Geburtstagsbedingt erst in den frühen 90ern.

  • Hallo Frank, lange nichts mehr von dir gesehen und gehört, schreib doch mal ein Buch über deine Rallyezeit(Hunrück, HR-Junior, Köln-Ahrweiler usw) Vergiss die vielen Episoden rund um den kleinen Hund nicht, der war ja ein Team-mitglied!

    Einmal editiert, zuletzt von Klaus57 ()

  • Hallo Frank, lange nichts mehr von dir gesehen und gehört, schreib doch mal ein Buch über deine Rallyezeit(Hunrück, HR-Junior, Köln-Ahrweiler usw) Vergiss die vielen Episoden rund um den kleinen Hund nicht, der war ja ein Team-mitglied!


    Wer ist Klaus 57 ?????????????????????????? Turbo-Klaus ?




    - linksbremsend fahren nach Sicht und ohne Aufschrieb
    - Ein Ventil wird kürzer
    - ein 181er-Kübel überholt uns



    Eigentlich müsste man diese Art Rallyes in Deutschland wiederbeleben. Es war einfach etwas völlig anderes als Rallye35/70 oder ein gewöhnlicher DM-Lauf heute. Völlig anders. Über 400-500 km WP , das ist schon nicht einfach. Auch nicht für das (fast) serienmäßige Material.
    Das war noch Rallye. Mit Köpfchen fahren , auf das Auto achten und möglichst kein Risiko eingehen. Einfach ein Traum und gleichzeitig eine echte Herausforderung, die wir /bzw. unser Team in der Form später nur noch beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und bei Rallyes wie Korsika, Spanien und na klar bei diversen Rallye Monte-Carlo schätzen gelernt haben.


    Kein Risiko eingehen. Leichter gesagt als getan. Man ist eine halbe Stunde oder auch eine Stunde und länger voll konzentriert auf der WP unterwegs gewesen. Relativ leicht war das Fahren auf den oft unglaublich breiten und schönen Schotterwegen der Hunsrück-Rallye. Besonders Spaß gemacht hat z.B. die Durchfahrt des Steinbruchs. Da ging es volle Lotte lang links bergab zur Rechts 2 . Da konntest du linksbremsend und rechts voll auf dem Pinsel stehend den Audi 50 in einen langen Drift bringen mit Gegenschwung zur rechts 2. Mit Hilfe des Bremspedals ließ sich der Audi vorzüglich lenken. Das ging mit dem 50 PS Audi50/Polo übrigens nicht. Der hatte serienmäßig kleinere (zu kleine) hintere Bremszylinder .


    Das Problem waren und sind sicher heute immer noch (siehe die brutalen Abflüge 2016)
    die Fahrbahnen auf Festbelag, deren Belagwechsel, Löcher und Sand/Geröllauflage. Besonders tückisch, wenn du nicht sehen kannst, dass ein Vordermann kurz vor dir die eigentlich griffige Fahrbahn mit Sand vollgepudert hat.


    Das passierte uns beim ersten Start ca. 10km südlich vom Globus-Handshof, 1979 im Kadett-Cup ging es für gut 10 Minuten in einen Graben und in den 80ern landete so unser C-Kadett 2,0 GTE in einer Weinbergsprüfung auf dem Dach. Ohne Fensterscheiben durften wird in Trier nicht mehr am nächsten Tag starten.


    Beim zweiten Start 1978 - wieder in einem Audi 50- haben wir wir erstmals die komplette Hunsrück unter die Räder genommen und auch ins Ziel "gerettet".


    Aber das ging lustig ab. Gleich am ersten Tag plagte uns ein seltsamer Leistungsverlust an unserem erstmals von einem Tuner gemachten Motor. Das war glaub ich, das allerletzte Mal, dass an den Autos groß von der Serie abgewichen wurde. Die Schlepphebel des 4. Zylinder hatten einfach damit begonnen, langsam aber sicher die Länge der Ventile zu kürzen. Die Ventile waren nicht korrekt gehärtet.


    Am nächsten Morgen liefen die Rallyefahrenden Kerle in Idar mit Bartstoppeln im Gesicht über den Sportplatz. Die einzige Steckdose in den Duschräumen des Platzes hatte Service-Holger unter seiner Fuchtel. Er hatte einen Schleifkegel in eine Bohrmaschine gespannt und reduzierte an den Schlepphebeln die seitlichen Führungen. Diese Führungen drohten die Keile der Ventile zu berühren. Eine Zeit lang funktionierte der Motor wieder recht gut. Aber dann mussten wir den kompletten Zylinder stilllegen. Schlepphebel abgenommen und (ich glaube) sogar die Zündkerze herausgedreht ! Von da an hatten wir einen 3-Zylinder-Audi 50.


    Das hatte gravierende Folgen auf den WP's . Von hinten kamen irgendwann die Rover und VW-Kübelwagen . Alle in nato-olive gestrichen und mit richtig Glut unter dem Helm.


    Vorher hatte mein Beifahrer und Bruder den Integralhelm gegen einen Jet-Helm getauscht und pichelte sich die eine oder andere Büchse Kirner-Bier hinein. Aber er nahm noch etwas mit an Bord : eine Super-8-Kamera (Video und Gopro gab's damals noch nicht).


    Just in dem Augenblick, als wir beim Rundkurs Maiwald (entgegen dem Uhrzeigersinn) aus dem Wald fuhren und uns bergab mit 70 Sachen in Richtung "Salto-Mortale-Kehre" stürzten,
    machte ein 181er richtig Druck von hinten und fuhr locker an uns vorbei...


    Sah schon irre gefährlich aus so ein Kübel von hinten. Das waren noch die frühen "Karren" mit Pendelachse vom Käfer. O-beinig ging es daher, bis die Linkskurve kam, wo sich in anderer Richtung und Strecke gern mal der ein oder andere Saab gerollt hatte.


    In dem Augenblick des Überholvorgangs hatte mein Bruder das Bier zur Seite gestellt und dafür die Kamera ans rechte Auge gedrückt und den Aufnahmeknopf ausgelöstt.


    Was er dann sah, war witzig und gleichzeitig sehr, sehr traurig. Der Kübel war für die Linkskurve viel zu schnell. Der Sturz wurde noch positiver als positiv und der 181er wanderte seitlich in die guten alten Hinkelsteine und vermutlich über das nicht vorhandene Dach, was wir wegen der Staubentwicklung nicht erkennen konnten.


    In der nächsten Runde hielten wir beim Havaristen an und gaben erst mal ein Bier zur Beruhigung an die Fahrer heraus...


    Tja, das Ziel haben wir dann auch noch in relativ guter Wertung erreicht und feierten mit einem Berliner Toyota-Team bis in die Puppen.



    Das gibt's beim nächsten Mal zu lesen:


    - Wenn schon alle Damen vergeben sind, dann bringen wir eben unsere eigenen mit.
    - Bin ich hier auf dem Bescheunigungsstreifen der BAB ?


    Aus Hannover grüßt


    Frank


    [email protected]

  • Verdammt le Moulinon, wer bist Du???
    Ich habe Deine Hunsrück-Erzählung von 1977 sehr aufmerksam gelesen, denn auch ich war bei dieser Rallye als Zuschauer dabei. Ich lese und lese also, und auf einmal denke ich, mich laust der Affe! Denn ich bin der Tino S. von dem da die Rede ist. Und ich habe die Geschichte genau so in Erinnerung wie Du sie erzählst inklusive der Ari Vatanen-Story. Nur eine Person fehlt in meinem Gedächtnis: Das bist Du! Also daher noch mal die Frage: WER BIST DU?


    [email protected]


    PS: Ich liebe den Rallyesport bis heute. Kleiner Beweis: https://www.youtube.com/watch?v=UndTusYXQVw&t=5s

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